Die großartigsten
Sprachzaubereien der
Welt. Außerdem: motiks
Kolumne über vieles,
anderes und den
ganzen Rest.

Krücken, Zeitreisende und ein Nie wieder – Road to Copenhagen #Intro

 

#cphmarathon #motiktext #marathon

Intro

Der Anfang ist das schwerste, rhabarbert die Meute und weint bittere Tränen ob des Verfassens von Bewerbungen, Verlobungsreden und Maschinengewehrpolitur-Anleitungen. Stimmt nicht. Man muss sich einfach irgendwas aus der Nase saugen, es fein säuberlich auf ein Blatt Papier träufeln und dann so tun als sei das so großartig wie mit einem Plastikhelikopter über dem Amazonas zu kreisen. Das mit dem Plastikhelikopter habe ich glaube ich von Helene Hegemann geklaut, die einst völlig zu Unrecht für das Entleihen von Inhalten bei einem nicht besonders talentierten Blogger verunglimpft wurde. Im Gegensatz zu ihr gelingt es mir natürlich nicht, das Geklaute in das Reich höchster Poesie zu entführen, also breiten wir lieber den geblümten Mantel des Schweigens über den Diebstahl anderer Leute Ideen und beginnen mit diesem möglicherweise in großen Teilen erlogenen vielleicht aber auch absolut wahrheitsgetreuen Tatsachenbericht, an dem letzten Endes niemand anderes Schuld trägt als meine Sandkastenfreundin Emma.

Geschockt träumte ich von Lichtgeschwindigkeit und ewigem Ruhm.

Sie wohnt dort, wo Mehmet Scholl wohnt und nichts anderes war der Plan als die Dame in diesem fein säuberlich zurecht gegärtnerten Stück blauweißer Erde besuchen zu kommen und nebenbei Schweini zum WM-Sieg bluten zu sehen. Sommer war’s, der gemeine Bürger huldigte dem Müßiggang und weil Herr Götze ausnahmsweise lieber eine Traumbude ins argentinische Eck knisterte statt sich live auf Twitter die Tolle zu föhnen, war das Leben schön. Blöderweise hatte Emma Wind bekommen von meinem kläglich scheiternden Versuch, auf einer altersschwachen Tartanbahn wieder in Form zu geraten und teuflisch kichernd meinen Namen auf den Anmeldebogen einer Skandalveranstaltung namens Münchner Firmenlauf gemalt. Geschockt träumte ich von Lichtgeschwindigkeit und ewigem Ruhm. Weder sie noch ich konnten wissen, was sie damit angerichtet hat.

Nun ist es so, dass mein Körper eine seltsame Herberge sich unvereinbar ins Gehege kommender Gegensätze ist. Als Beispiel seien brennender, ins Größenwahnsinnige reichender Ehrgeiz und eine durch alle Lebensbereiche suppende, unerträgliche Faulheit genannt. Geil, Wettkampf, kreischt also der Größenwahn, rechnet uns schnell aus, dass die 6,1 km durch den berückend schönen Olympiapark in 22 Minuten herunter zu schlendern sein müssten und faustet rücksichtslos die akribische Arbeit der Faulheit und meine längst verblühte Jugend ins Macht-nix-Land. Da ein weltberühmter Sportklempner mir einige Zeit zuvor Löcher in die Knie gebohrt und einiges darin neu verlötet hatte, beteten die anderen Sinne lieber irgendwelche nicht existenten Himmelsmächte mit der Bitte an, das Ganze doch bitte nicht in einem Infarkt enden zu lassen.

Meine 6 Jahre alten Renngaloschen guckten neidisch

Auf dem Sofa, das mir als Nachtlager zugewiesen wurde, wartete demenstprechend nicht das erhoffte Schokowillkommen auf mich, sondern ein Shirt mit dem Logo meines neuen Kurzzeit-Arbeitgebers, das frech so tat, als wäre ich ein akkurater Neun-bis-Fünf-Mensch und höchst begehrenswerter Anwärter einer Firmenrente. Ich will aber doch pippilangstrumpfig durchs Leben gleiten, rebellierte es auf der Stelle in mir, während mir im Spiegel Warren Buffet zuzwinkerte. Natürlich war es längst um mich geschehen. Das in herrlichem Orange gearbeitete Funktionsstück leuchtete stattlich an meiner schwächlichen Statur herab und unterstütze auf der Stelle die Illusion, dass man solcherlei gekleidet gar nicht mehr anders könne als lorbeerbekränzt auf Siegertreppchen zu posieren. Meine 6 Jahre alten Renngaloschen guckten neidisch und wussten genauso wenig wie ich, dass wir es mit 30.000 anderen zu tun bekommen würden, von denen höchstens 28.000 komplett unsportlich sind und nur vor Ort herumgammelten, weil sie von ihrem Chef dazu gezwungen worden waren.

Vorbereitet habe ich mich dann mit zwei Maß und Schweinsbraten in einem schmucken Biergarten. Überhaupt ist in München ja alles schmuck. Kein Wunder, dass Menschen von hier in meiner Wahlheimat Berlin entsetzt von schluchtentiefen Löchern in den Bürgersteigen erzählen und den ganzen Schnauztierunrat verteufeln, der ihnen am Abend an den Schuhsohlen klebt. Meine Behauptung „ohne Biergarten kann ich nicht rennen“ würde ich heute möglicherweise trotzdem nicht mehr in der damaligen Selbstverständlichkeit formulieren. Ja und dann war plötzlich Wettkampftag.

#cphmarathon

Der Olympiapark ist ja ein herrlich anzusehendes Monument einer Zeit als das Klischee vom fleißigen Deutschen womöglich noch zutreffend war. Dem siechenden Stadion wurde zwar der Rasen gestohlen, aber irgendwo unter den vergammelnden Sitzschalen spukt noch immer graubärtig der alte Sportsgeist herum, der erhaben unzählige Weltmeisterschaften, Championsleague-Endspiele und Tina-Turner-Konzerte beschirmen durfte. Gänsehaut, willkommen an meiner nervösen Seite.

„Vollgas und am Ende das Leiden negieren“, nehme ich mir vor und betrachte den Startbereich, der ungefähr 5 Meter breit ist. Ich habe leider nicht die Mathematikstärke meines Vaters geerbt, kann mir aber unter großen geistigen Verbiegungen ausrechnen, dass 30.000 Menschen nicht auf einmal durch dieses schmale Loch eilen können. Glücklicherweise wiederholt der Stadionsprecher stundenlang, dass sich jeder seiner anvisierten Zeit entsprechend in den kilometerlangen Startkorridor einordnen soll. Ich quetsche mich also schüchtern zu den 25-Minuten-und-weniger-Leuten und weil ich mich offenbar nicht ordnungsgemäß eingereiht, sondern einen mir unbekannten Anstehkodex verletzt habe, werde ich sofort von allen Umstehenden böse angebrummt und sozial isoliert. So fühlt sich das also an. Vor lauter Schreck ob dieser feindlichen Stimmung, schaffe ich es erst spät, die um mich stehenden mit dem 25-Minuten-Ziel unter einen Hut zu bringen und bemerke: der Hut muss gewaltige Ausmaße sein eigen nennen.

Japanische U-Bahn: nix dagegen

Da stehen herum: fünf streng blickende, in der Statur an niedliche Nilpferde erinnernde Damen aus einer Zeit vor den großen Kriegen. Ein Pärchen, das sich verliebt in die Augen blickend schwört, die gesamte Strecke Hand in Hand nebeneinander her zu schweben. Ein schwer gebeugtes 143-jähriges Vorstandsetagenmännlein, ein ehrgeizig blickender Mann mit Krücken, eine Dauergewellte mit Walkingstöcken und viele weitere nicht nach Sport müffelnde Figuren. Ich bin beeindruckt und niemals würde ich behaupten, von Scharlatanen umgeben zu sein.

Den Startbereich sehe ich nicht, aber irgendwo vorne knallt was und einer ruft tatsächlich „Jetzt geht’s los“, kurz bevor die Luft flimmert, ein Zeitreisender erscheint und den aus dem Jahr 1991 geflüchteten zurück in sein Jahrzehnt lasert. Wir schleichen etwas aufgeregt der Sache näher und nach ungefähr 20 Minuten geht es tatsächlich los, der aus der Zeit gefallene hatte Wort gehalten. Also es geht los, weil alle eher gehen als rennen. Losrennen konnten die weiter vorne und von irgendwo schallt Jubel zu uns rüber. Offenbar legt der Sieger bereits die Füße hoch, während wir erste Blicke auf eine von einem zähen Menschenschleim zugekleisterte, aber wirklich wunderschöne Strecke werfen dürfen. Japanische U-Bahn: nix dagegen. Nach 400 Metern kommen wir ins Laufen und schon pralle ich fast gegen einen gebirgigen Herrn, der die Hände in die Hüften stemmend laut japst und offenbar gewillt ist, aufzugeben. Ich bin hier nicht der einzige Größenwahnsinnige, denke ich bei mir und frage mich, was sich dieser Mensch nur gedacht hat, als er sich auf dieses seinem Wesen vollkommen fremde Unterfangen eingelassen hat. Bestimmt waren Drogen oder eine Frau im Spiel.

Er prescht durch das Feld wie eine angeschossene Gazelle

Es ist nirgends ein Durchkommen. Ich laufe Slalom, hechte in Gräben, versuche verzweifelt an einer Armada vollschlanker Seniorinnen vorbeizukommen und erhalte zum Dank eine Faust in den Rücken. „Unverschämt, diese Leute, die von hinten so schnell angeprescht kommen“ krächzt mir die Wutbürgerin hinterher. Um ihr aber die entsprechende Replik in das gnadenlos blöd glotzende Gesicht zu reiben oder ihr mehr Respekt für die Allwissenheit des Stadionsprechers einzuprügeln, müsste ich ihre Minusgeschwindigkeit mitmachen und so schlucke ich meinen Groll herunter und schlenze weiter im Zickzack durch die Menge. Etwas später entdecke ich den Krückenläufer vor mir und wäre Platz gewesen, hätte ich mich tagelang respektvoll vor ihm verbeugt. Dieser Mensch hat irgendwelche Beine, die nicht das tun, was sie sollen, spuckt aber drauf und prescht durch das Feld wie eine angeschossene Gazelle. Könnte ich rappen oder singersongwriten, würde ich ihm ein Oh-du-mein-leuchtender-Stern-Lied widmen. Unfassbarer Typ. Wenn noch mal irgendwer Kannichnicht und Gehtnicht ruft, ohrfeige ich ihn mit Fotos dieses bekrückten Wunderläufers. Abgesehen von der Prügelseniorin ist die Stimmung übrigens furios. Schnaufende, lachende und rotgejoggte Gesichter überall. Schön das.

Die Abendsonne brennt herunter als würde sie nur mich meinen und irgendwann ist mir dann auch klar, dass ich hier noch nicht mal gegen mich selbst gewinnen werde. Selbst auf der Zielgeraden fehlt der Platz für einen Spurt. Ich greife mir ein alkoholfreies Sponsorenbier, mampfe missmutig eine gebogene Südfrucht und warte auf das demütigende Ergebnis: Platz 1102 in 28:22. Kilometerschnitt: 4:39. Dafür wurde ich dann auch auf der Stelle recht herzlich ausgelacht von meinem guten Freund Geiermeier, der das Ganze von ganz vorne startend im Jahr davor in den von meinem Größenwahn anvisierten 22 Minuten heruntergejoggt hatte. Drei Stunden nach dem Startschuss gehen die letzten auf die Strecke. Vielleicht sollte man einfach warten, bis alle im Ziel sind und dann gemütlich grüßend mit dem Besenwagen einreiten. Besser aber, man macht diesen Quatsch nicht mehr mit und schaut schlicht nach Läufen, wo es um Sport geht und nicht darum, vor dem Chef zu buckeln oder Preise für Kostüme, Präsenz und anderen Unsinn auszuloben.

Fazit

Wer sich gerne an fremden Menschen reibt, das Wort Stillstand liebt und den lieben Gott (qed) einen guten Mann sein lässt, der ist hier richtig. Wer lieber Sport treiben mag, Kostümprämierungen albern findet und das aufgrund seiner Welligkeit durchaus anspruchsvolle Geläuf mit einer Feuerspur versehen will, ist hier falsch. Es sei denn, er kauft sich einen Platz in der ersten Startgruppe und erspart sich Tokioter U-Bahnverhältnisse. Ich rufe entschlossen ein Nie wieder Richtung Sterne und bemerke irritiert, dass das genau jetzt schon wieder im Schlamm der Zeit versinkendes Geschwätz von gestern ist. So jedenfalls darf meine Laufkarriere nicht zu Ende gehen, dachte ich mir damals und meldete mich Vergeltung knurrend für einen Viertelmarathon im wilden Kreuzberg an. Das Verhängnis nahm seinen Lauf…

 

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